Zusammenfassung
Das Raumkonzept Schweiz ist ein Orientierungsrahmen für alle staatlichen Ebenen. Es zeigt, wie unser Land in Zukunft aussehen könnte und welche Handlungsansätze möglich sind.
Der Raum in der Schweiz ist beschränkt, und der Boden ist ein kostbares Gut. Wir müssen sorgsam mit den natürlichen Lebensgrundlagen umgehen.
Gleichzeitig braucht die Schweiz auch eine starke Wirtschaft, leistungsfähige Verkehrsnetze, eine sichere Energieversorgung. Sie soll ein Ort sein, an dem wir uns entfalten, uns zuhause fühlen und gut leben können. Wenn die Wirtschaft wachsen soll und in Städten, Agglomerationen und Dörfern mehr Menschen leben und arbeiten, braucht es Spielraum für Entwicklungen, die unterschiedliche Stärken der Regionen zur Geltung bringen. Raum für Neues entsteht meistens im Bestand durch Transformation und Weiterentwicklung. Für Freizeit, Erholung und Nahrungsmittelproduktion hingegen bleiben unbebaute, naturnahe Landschaften wichtig.
Die Folgen des Klimawandels zeigen sich immer klarer. Extremes Wetter und Naturkatastrophen gefährden Menschen, Siedlungen und Infrastrukturen. Der Artenreichtum ist rückläufig und die Ökosysteme geraten durch die klimatischen Veränderungen zunehmend unter Druck. Um die Umwelt und die Ressourcen zu schonen, hat sich die Schweiz Klimaziele gesteckt und die Weichen gestellt für eine nachhaltige Entwicklung sowie eine Energieproduktion aus überwiegend erneuerbaren Quellen.
Die Leitidee des Raumkonzepts strebt eine vielfältige Schweiz an, die es allen Bewohnerinnen und Bewohnern ermöglicht, sich gesellschaftlich und wirtschaftlich zu entfalten. Die Menschen handeln umweltverträglich, schonen die Ressourcen, entwickeln bestehende Strukturen weiter und tragen dem begrenzten Raum Sorge. Dadurch bleibt Gutes erhalten und es entsteht andererseits Platz für Neues.
Im ersten Teil stellt das Raumkonzept Ziele vor und formuliert Strategien, die helfen sollen, die Leitidee zu verwirklichen.
Sechs Ziele beschreiben ein räumliches Leitbild für die Schweiz 2050: Vielfältigkeit prägt das Land. Der Zusammenhalt zwischen den Regionen und in der Gesellschaft ist stark. Die Schweiz ist im Innern und nach aussen vernetzt. Die natürlichen Lebensgrundlagen sind dauerhaft gesichert. Die Räume sind funktionsfähig und klimaangepasst. Siedlungen, Kulturland und Natur ergeben in allen Regionen ein identitätsstiftendes Landschaftsbild. Mobilität und Energieversorgung sind effizient, umwelt- und klimaverträglich. Angebote und Infrastrukturen decken den Bedarf. Die Raumnutzung erfolgt innovativ, ressourcenschonend und unterstützt einen nachhaltigen Lebensstil. Die Schweiz bietet Raum für nachhaltiges Wirtschaften und Wohnen und alle Regionen nutzen ihre Entwicklungspotenziale.
Drei Strategien machen deutlich, wie diese Ziele zu erreichen sind: Die erste Strategie stärkt die Polyzentralität des Landes und die Kooperation in der Raumentwicklung. Die zweite Strategie sichert natürliche Lebensgrundlagen und eine hohe landschaftliche und bauliche Qualität. Die dritte Strategie fördert Wohn- und Arbeitsräume für das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft. Sie erleichtert es, Mobilität und Energie gezielt und bedarfsgerecht auszubauen sowie umwelt- und klimagerecht auszugestalten.
Im zweiten Teil gibt das Raumkonzept Schweiz Einblick in regionale Prioritäten und Besonderheiten. Es legt dar, wie die einzelnen Handlungsräume die Ziele und Strategien mit einem Bewusstsein für das Ganze konkretisieren wollen. Ausserdem zeigt das Raumkonzept, wo die Handlungsräume über Sachbereiche, Staatsebenen, innere wie äussere Grenzen hinweg zusammenarbeiten wollen.
Wieso ein Raumkonzept?
Die Schweiz verändert sich unablässig. Der stete Wandel lässt sich an der Art ablesen, wie Menschen den Raum nutzen. Wie sie Quartiere gestalten, Strassen erneuern oder eine Flusslandschaft renaturieren. Zur Frage, welche Flächen oder Räume wie genutzt werden sollen, gehen die Meinungen häufig auseinander. 2012 erschien deshalb zum ersten Mal das «Raumkonzept Schweiz». Darin verständigten sich Bund, Kantone, Städte und Gemeinden auf ein Leitbild, das die generelle Richtung für die Raumentwicklung in der Schweiz darlegen sollte.
Mit dem ersten Raumkonzept Schweiz entstand ein gemeinsam getragener Orientierungsrahmen. Er dient seither dem Bund, den Kantonen, den Städten und Gemeinden als Grundlage für eine nachhaltige räumliche Entwicklung des Landes. Das Denken und Planen in Handlungsräumen ist dank dem Raumkonzept etabliert. Regionen diesseits und jenseits der Landesgrenze arbeiten zusammen und verstehen sich als funktionale Räume, die Herausforderungen gemeinsam meistern. Die räumliche Koordination ist auf allen Staatsebenen als grenzüberschreitende Angelegenheit anerkannt.
Mit dem aktualisierten Raumkonzept, das die erste Ausgabe aus dem Jahr 2012 ablöst, erneuern die Trägerorganisationen ihr Engagement für eine qualitätsvolle, nachhaltige Raumentwicklung. Sie bekräftigen ihren Willen, über staatliche Ebenen und über Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Die Entwicklungen der letzten Jahre erfordern eine gezielte Anpassung bestehender Prinzipien. Aufgaben verändern sich angesichts des Klimawandels, des Verlustes an Biodiversität, des Verdichtungsgebots und des demografischen Wandels – um nur einige Punkte zu nennen.
Die Trägerinnen und Träger des Raumkonzepts sind der Schweizerische Gemeindeverband, der Schweizerische Städteverband, die Konferenz der Kantonsregierungen, die Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz und der Bundesrat. Das Raumkonzept Schweiz stützt sich auf gültige Übereinkommen, Strategien und Planungsinstrumente. Es zeugt von der Absicht der Behörden und Fachleute, sich für eine koordinierte räumliche Entwicklung einzusetzen.
Das Raumkonzept ist kein verbindliches Instrument, sondern ein Orientierungsrahmen und eine Entscheidungshilfe für die raumrelevanten Politiken und Planungen aller Ebenen: Bund, Kantone, Städte und Gemeinden ziehen am gleichen Strick. Das Raumkonzept Schweiz beruht auf der Überzeugung, dass es für eine nachhaltige Raumentwicklung nicht nur rechtliche Grundlagen und Pläne braucht, sondern auch eine Vision. Vernetzung und kooperative Planung machen es möglich, gemeinsame Ideen für die Zukunft zu entwerfen. Die Absicht, in der räumlichen Entwicklung langfristig Wirkung zu erzielen, Probleme integral über Grenzen hinweg zu betrachten und mit Ungewissheiten umzugehen, trägt zur Kohärenz der raumrelevanten Entscheidungen bei.
Das von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden erarbeitete Raumkonzept Schweiz ist auf den Horizont 2050 ausgerichtet. Ausgehend von den vordringlichen Herausforderungen und Aufgaben formuliert die Trägerschaft sechs Ziele, die einer gemeinsamen Leitidee folgen. Drei zusammenhängende Strategien mit entsprechenden Handlungsansätzen zeigen, was die Akteurinnen und Akteure der Raumentwicklung tun können, um die Ziele zu verfolgen. Bei Widersprüchen und Zielkonflikten gilt es, die systemischen Zusammenhänge zu beachten, räumliche Interessen abzuwägen und die Konkurrenz zwischen Nutzungsansprüchen aufzulösen. Die Strategien des Raumkonzepts sind nicht dem Entweder/oder, sondern vorwiegend dem Sowohl-als-auch verpflichtet.
Um den anstehenden Herausforderungen zu begegnen, entwickelt das Raumkonzept eine gemeinsame Perspektive und setzt auf Zusammenarbeit bei der Umsetzung. Für die Verwirklichung ist ein übereinstimmender politischer Wille nötig. Denn die Kooperation muss über räumliche, fachliche und institutionelle Grenzen hinausreichen. Gegenseitiges Verständnis stärkt die Kompromissbereitschaft für Lösungen im Sinne des Raumkonzepts Schweiz.
Das Raumkonzept anerkennt, dass jede Region eigene Qualitäten hat und unterschiedliche Funktionen erfüllt. Von Veränderungen sind nicht alle gleich betroffen. Das Raumkonzept Schweiz will angemessene Entwicklungschancen im ganzen Land weiterhin fördern und damit den inneren Zusammenhalt stärken. Als landesweites räumliches Leitbild macht es keine quantitativen Zielvorgaben. Vielmehr bildet es eine gemeinsame Basis für Entwicklungsstrategien in Handlungsräumen und funktionalen Räumen. Raumrelevante Eckwerte sind auf regionaler Ebene zu präzisieren, etwa mithilfe von Szenarien. Bund, Kantone, Städte und Gemeinden pflegen den tripartiten Dialog und entwickeln das Raumkonzept Schweiz gemeinsam weiter.
Mit einer Planung, die Veränderungen rasch aufnimmt, haben wir es in der Hand, überall in der Schweiz gute räumlichen Bedingungen zu schaffen für eine dynamische Wirtschaft sowie für zeitgemässe und gesunde Wohn-, Arbeits- und Lebensformen. Die räumliche Transformation soll helfen, das Klima und die natürlichen Lebensräume zu schonen. Das Raumkonzept zeigt, wo Chancen und Synergien entstehen können. Denn Raumentwicklung beinhaltet stets ein Abwägen zwischen Entwicklung, Transformation, Schutz und Gemeinwohl.
Die Raumentwicklung steht vor Herausforderungen und bietet Chancen
Die Schweiz hat einen grossen geographischen, politischen und gesellschaftlichen Reichtum. Solidarität hält nicht nur die vier Sprachregionen zusammen, sondern verbindet auch die Städte und Agglomerationen mit den ländlichen Räumen und Berggebieten. Jede Region hat ihre eigenen Qualitäten, ihre Rolle und ihre Rahmenbedingungen. So hat unser Land die Chance für eine positive räumliche Entwicklung.
Damit das Raumkonzept Wirkung entfaltet, ist entscheidend, wie die Schweiz mit anstehenden Herausforderungen und den komplexen Ansprüchen an den Raum umgeht: Die strategischen Nachhaltigkeitsziele sind gesteckt, gleichzeitig wachsen die Bevölkerung und deren Anspruch an Raum und Mobilität sowie die Wirtschaft mit ihren Bedürfnissen. So müssen auf einer begrenzten Fläche zahlreiche Aktivitäten und unterschiedliche Schutz- und Nutzungsansprüche aufeinander abgestimmt werden. Die Bedürfnisse verschiedener Interessengruppen stehen teilweise – aber nicht immer – in Konkurrenz zueinander. Dies erfordert einen innovativen Umgang mit den begrenzten Ressourcen Raum und Boden.
Folgende raumrelevante Themen und Herausforderungen beschäftigen die Trägerschaft.
Bevölkerung
Die Einwohnerzahl der Schweiz nimmt zu, hauptsächlich durch Zuwanderung. Zugleich steigen die Lebenserwartung und das Durchschnittsalter der Bevölkerung. 2050 dürfte ein Viertel der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein. Der soziodemografische Wandel ist ein Megatrend, der durch eine individualistische, diverse, manchmal auch fragmentierte Gesellschaft geprägt ist. Entsprechend verändern sich die Anforderungen und die Erwartungen an den Raum. Auch die Möglichkeiten, ihn zu nutzen und sich darin zu bewegen, ändern sich. Einzelne Gemeinden und Unternehmen in peripheren Räumen verlieren durch Abwanderung junge Menschen an städtische Gebiete und dadurch auch Wissen, Fachleute und Familien. Der Anteil älterer Personen an der Bevölkerung ist in ländlichen Räumen und Berggebieten überdurchschnittlich hoch. Die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, die Kommunikationsleistungen und die medizinische Grundversorgung müssen sich den strukturellen und demografischen Entwicklungen anpassen.
Siedlungsentwicklung
Boden ist ein begrenztes Gut. Der Druck auf Freiräume und auf die offene Landschaft ist stellenweise hoch. Der Bedarf an Wohnraum – vor allem an zentrumsnahen, städtischen Lagen, in ausreichender Menge und zu erschwinglichen Preisen – sowie an Arbeitszonen am richtigen Ort, steigt. Das Ziel der Siedlungsentwicklung nach innen – nämlich bebautes Gebiet effizient zu nutzen – erfordert eine qualitätsvolle Entwicklung im Bestand und Verdichtung. Planerische Bedingungen und Verfahren, aber auch der Widerstand der Bevölkerung, können die Innenentwicklung und die Mobilisierung von Baulandreserven behindern. Deshalb ist es entscheidend, die Öffentlichkeit und betroffene Kreise zu beteiligen. Um das bestehende Siedlungsgebiet optimal nutzen und Interessenkonflikte lösen zu können, braucht es koordinierte Abläufe und zeitgemässe Grundlagen. Dichte Siedlungen können die Lebensqualität verbessern. Sie können aber auch zu Belastungen führen, die das Wohlbefinden der Bevölkerung beeinträchtigen. Lärm, Hitze und Schadstoffemissionen gilt es zu begrenzen, öffentlich zugängliche Räume und bestehende sozialräumliche Strukturen sind möglichst zu erhalten.
Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit
Die Schweiz ist im internationalen Wettbewerb gut positioniert, nicht zuletzt dank guter Vernetzung und hervorragender Infrastrukturen. Die Wirtschaftsleistung des Landes nimmt zu, und es entstehen neue Arbeitsplätze. Betriebe in unterschiedlichen Branchen brauchen in absehbarer Zeit grosse Flächen, Logistikleistungen und Energie. Flexible Lösungen und schnelle Entscheidungen sind massgebend. Wie bei allen modernen Volkswirtschaften zeigt sich eine Verlagerung von produzierender Industrie hin zu Dienstleistungen, Innovations- und Wissensökonomie. Um Talente für diesen Strukturwandel zu halten, ist die Aus- und Weiterbildung elementar. Mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft und die zu erwartende wirtschaftliche Entwicklung wird der Fachkräftemangel anhalten. Dies führt zu einem Wettbewerb der Regionen um qualifizierte Arbeitskräfte und entsprechende Investitionen. Es liegt im Interesse der Wirtschaft, durch qualitätsvolle Entwicklungen, Naturnähe und Freizeitangebote positive Standortfaktoren zu schaffen. Im Zuge der Pandemie und geopolitischer Spannungen sind globale Lieferketten zu einem Risiko für eine sichere Versorgung geworden. Das Bewusstsein, dass die Industrie ein wichtiger Bestandteil der hiesigen Wirtschaftsstruktur ist, steigt wieder, genau wie die Wertschätzung inländischer Produktionsstandorte. Die Gewinnung von Rohstoffen, der Erhalt von Wertstoffen und die Abfallaufbereitung sind für die Kreislaufwirtschaft von grosser Bedeutung. Sie benötigen Raum, können sich jedoch auf die Umwelt auswirken. Innovationen im Bereich künstlicher Intelligenz und Robotik verändern Produktionsprozesse und weite Teile der Wirtschaft in noch nicht absehbarem Ausmass.
Informations- und Kommunikationstechnik
Neue Technologien verändern den Alltag und das Arbeitsleben. Die Arbeit entkoppelt sich zum Teil vom fixen Arbeitsplatz, das Arbeiten von zu Hause hat sich etabliert. Die Ortsunabhängigkeit eröffnet Entwicklungschancen, gerade in ländlichen Räumen und Berggebieten. Automatisierung und Digitalisierung nehmen in allen Lebensbereichen rasant zu. Konsumentinnen und Konsumenten nutzen den Online-Einkauf und die Lieferung von Waren ins Haus in grossem Stil. Das verbraucherfreundliche Angebot geht mit Flächenbedarf für Logistikzentren und Mehrverkehr zur Warenverteilung einher. In allen Regionen sind sowohl die Bevölkerung als auch die Wirtschaft auf die Verfügbarkeit von leistungsfähigen Informations- und Kommunikationsnetzen angewiesen. Doch die digitale Erschliessung ist noch nicht überall von gleich hoher Qualität. Das Verarbeiten und Übermitteln von Daten, besonders für die künstliche Intelligenz, steigert den Energieverbrauch um ein Vielfaches.
Mobilität und Logistik
Das Bedürfnis nach Mobilität ist hoch und steigt weiter. Arbeit, Wohnen und Freizeit liegen oft weit auseinander. Der Freizeit- und der Tourismusverkehr wächst kontinuierlich und gewinnt gegenüber dem Pendlerverkehr weiter an Bedeutung, was insbesondere die Berg- und Tourismusregionen auf die Probe stellt. Der Grenz- und Transitverkehr erfordert die Vernetzung der Systeme zwischen benachbarten Ländern. Die Bevölkerung wächst und wird die Verkehrsinfrastruktur künftig noch intensiver nutzten. Leistungsfähige Verkehrsmittel und ein breites Angebot regen zahlreiche Beschäftigte dazu an, lange Pendeldistanzen in Kauf zu nehmen. Parallel dazu steigen sowohl der klassische Güterverkehr wie auch der Lieferwagenverkehr auf der Strasse weiter an. Ohne Massnahmen wird die Infrastrukturkapazität auf einzelnen Streckenabschnitten zu bestimmten Tageszeiten an ihre Grenzen stossen. Verkehr verursacht einen hohen Flächenverbrauch, Lärm und – bei Verbrennungsmotoren – zudem Luftschadstoffe und Treibhausgase. Ob die Automatisierung die Effizienz des Verkehrs in allen Fällen steigern wird, ist ungewiss.
Energie
Um die Klimaziele zu erreichen, muss die Schweiz eine Energiewende vollziehen, weg von fossilen Energieträgern, hin zu Elektrizität und Wärme aus klimaneutralen und erneuerbaren Quellen. Dies gilt für den gesamten Energiebedarf der Bevölkerung und der Wirtschaft. Die Weichen für den neuen Energiemix sind gestellt: Die Schweiz hat beschlossen, die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien im Inland rasch auszubauen und die Energieeffizienz zu stärken. Der Umstieg auf erneuerbare Energien kann je nach Art der Produktion flächenintensiv sein, die Landschaft verändern und Auswirkungen auf die Umwelt haben. Kontinuierliche Bestrebungen sind nötig, um die Auswirkungen von Energieanlagen auf Raum und Umwelt auf ein Minimum zu beschränken.
Klima und Ökosysteme
Immer klarer zeigen sich die Folgen des Klimawandels. Extremes Wetter und darauf folgende Naturkatastrophen wie Hitze, Dürre, Hochwasser und Hangrutsche gefährden Menschen, beschädigen Siedlungen oder Infrastrukturen. Ein hohes Störfallrisiko besteht bei Infrastrukturen, die national und international vernetzt sind. Wetterextreme beeinträchtigen die Nahrungsmittelproduktion, Wälder und naturbelassene Vegetation. Ökosysteme und natürliche Ressourcen, die unsere Lebensgrundlage bilden und die wir durch unser Handeln beeinflussen, stehen unter Druck. Der Artenreichtum ist rückläufig, was sich durch die klimatischen Veränderungen akzentuieren dürfte. Der Klimawandel fordert integrale Ansätze für die Raumentwicklung und für den Umgang mit Ressourcen wie Wasser, Nahrungsmitteln und Energie.
Die Schweiz und das internationale Umfeld haben in den letzten Jahren grosse Veränderungen erfahren, sei es in politischer, gesellschaftlicher, ökonomischer oder ökologischer Hinsicht. Zwischen Schutz und Entwicklung besteht ein Spannungsfeld. Es ist anspruchsvoll und zeitaufwendig, tragfähige Lösungen zu finden, die Innovation, Tempo und Nachhaltigkeit verbinden. Um den Herausforderungen zu begegnen, die Ungewissheit und Veränderung mit sich bringen, müssen wir eine Kultur der Offenheit pflegen, uns mit verschiedenen Szenarien auseinandersetzen und resiliente Strukturen schaffen. Dies setzt agiles Denken und Handeln, Verständnis, Vertrauen und Zusammenarbeit der räumlichen Akteurinnen und Akteure voraus. Durch Dialog, unterschiedliche Perspektiven und eine anpassungsfähige Planung können Lösungen für eine nachhaltige Raumentwicklung entstehen.
Die Herausforderungen sind komplex, doch sie eröffnen auch Chancen, die wir nutzen wollen. Die Veränderungen sollen Räume hervorbringen, in denen sich Gesellschaft und Wirtschaft entfalten können. Durch eine nachhaltige Weiterentwicklung räumlicher Strukturen ist es möglich, den Zusammenhalt zu stärken, den Wohlstand zu fördern und die Umwelt schützen.
Wir handeln gemeinsam für eine zukunftsfähige Schweiz
Wir – Bund, Kantone, Städte und Gemeinden – orientieren uns an den Zielen und Strategien des Raumkonzepts Schweiz, damit die Raumentwicklung ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Zukunft leistet kann. Jede Staatsebene hat den nötigen Handlungsspielraum, um ihre Aufgaben zu erfüllen, und nimmt die Verantwortung für eine kohärente, nachhaltige räumliche Entwicklung wahr. Dabei arbeiten Bund, Kantone, Städte und Gemeinden zusammen. Sie ermitteln die Interessen, die im Spiel sind, und beziehen sich gegenseitig frühzeitig ein, um bedeutende Entwicklungen und grosse Vorhaben zu koordinieren. Sie gewährleisten verlässliche und effiziente Prozesse. Jede staatliche Ebene sorgt in ihrem Kompetenzbereich für Rechtssicherheit und bemüht sich darum, Verfahren rasch und nachvollziehbar abzuwickeln. Neben normativen Instrumenten können kooperative Planungen auf regionaler oder interkommunaler Ebene die Umsetzung komplexer Vorhaben beschleunigen.
Mit den steigenden Ansprüchen an die Raumentwicklung erhöht sich der Koordinations- und Kommunikationsbedarf. Durch Dialog und die Vernetzung auf allen Ebenen – Quartier, Gemeinden, Region, Kanton und Bund – können staatliche, wirtschaftliche, zivilgesellschaftliche, wissenschaftliche und regionale Akteurinnen und Akteuren den Anforderungen begegnen. Auf diese Weise etablieren sie bei räumlichen Aufgaben eine tragende Kultur der Zusammenarbeit.
Der Umgang mit komplexen Problemen erfordert Wissen. Dieses Wissen – lokales, Erfahrungs-, Praxis- und Fachwissen – wollen wir einholen, teilen und weiterentwickeln. Das Wissen für eine erfolgreiche Raumentwicklung soll auch in der Ausbildung vermittelt werden, etwa in raumrelevanten Studiengängen im Ingenieurwesen und in der Ökonomie. Für die konkrete Planung und die Umsetzung ist Übersetzungsarbeit nötig. Diese Aufgabe können Fachpersonen in den Regionen erfüllen, die sich um massgeschneiderte Planungs- und Partizipationsprozesse kümmern.
Um raumrelevante Informationen sichtbar zu machen und miteinander zu verknüpfen, kommt der Digitalisierung eine wichtige Rolle zu. Damit verändert sich die Zusammenarbeit über Sachbereiche und Staatsebenen hinweg. Die zuständigen Personen und Fachstellen fördern die elektronische Aufbereitung von Verfahren und Prozessen und verbessern die Kompatibilität der Daten, um den gegenseitigen Austausch zu erleichtern.
Konflikte und Synergien erkennen wir frühzeitig und machen sie transparent. Wir nutzen die Synergien, wägen die Interessen ab und lösen Zielkonflikte. Exekutiven und Verwaltungen setzen Entscheide räumlich differenziert um. Dabei beziehen sie andere Staatsebenen und Gebietskörperschaften ein. Das Raumkonzept kann Konflikte nicht abschliessend auflösen. Es zeigt Möglichkeiten, mit Differenzen und Gemeinsamkeiten umzugehen und sie in der Interessenabwägung zu berücksichtigen. Zudem stärkt es als gemeinsam getragene Basis das Vertrauen, was wiederum gemeinsames Handeln erleichtert.
Die zukünftige räumliche Entwicklung betrifft nicht nur die Politik, Behörden und öffentliche Verwaltungen, sondern jede einzelne Bewohnerin und jeden einzelnen Bewohner im täglichen Leben. Deshalb ist Kooperation und Partizipation wichtig. Optionen wollen wir über die Raumentwicklung hinaus transdisziplinär diskutieren, um Spielraum für neue Ideen zu schaffen und zu nutzen. Teilhabe, Mitwirkung Dritter auf Augenhöhe und transparente Prozesse stärken die Fähigkeit, die räumliche Transformation anzustossen. Unternehmen und Private, die raumwirksame Tätigkeiten ausüben, tragen auch Verantwortung für die nachhaltige Raumentwicklung – besonders solche mit öffentlicher Beteiligung. Gute Lösungen und zukunftsfähige Entscheide entstehen dort, wo sich Betroffene, Interessengruppen und die Wirtschaft an Entscheidungsprozessen beteiligen.